Tagebuch zur Entstehung von "Der Flaschengeist"

FLASCHENGEISTTAGEBUCH - PERSÖNLICHE AUFZEICHNUNGEN IM ENTSTEHUNGSPROZESS EINES MUSIKTHEATERS

Foto: Staatstheater am Gärtnerplatz, Christian Zach (c) 2014

 

1968

Das Bayerische Fernsehen dreht einen Film über den Tänzer, Zeichner und Übersetzer Hanns Henning von Voigt, genannt ALASTAIR, in dem der Künstler bei der Arbeit an seinem Zyklus zu Gustav Meyrinks DER MANN AUF DER FLASCHE beobachtet wird. Ich wurde von Alastair als Komponist für diese Produktion ausgewählt. Nach Abschluss der Dreharbeiten schenkt mir Alastair seine Übersetzung der Novellen von Robert Louis Stevenson, in deren Zentrum DER FLASCHENDÄMON steht.

1994

August Everding wünscht sich von Michael Ende und mir eine zweite abendfüllende Oper für das Gärtnerplatztheater. Ich gebe Ende eine Übersetzung der Stevenson-Novelle, die ihn wegen der kritischen Auseinandersetzung mit dem Geld sehr fasziniert.

Ende liest auch andere Fassungen des Stoffes von den Brüdern Grimm, 1001 Nacht, Friedrich de la Motte-Fouqué und beginnt mit einem Exposé. Er verlegt das Stück nach Venedig.

1995

Am 5. April ruft Michael Ende frühmorgens an und teilt mir mit, aus unserer MAMMONELLA  (so sollte die Geschichte vom Flaschenteufel heißen), werde nun nichts werden. Der Arzt habe ihm geraten, kein lustiges Opernlibretto zu schreiben, sondern so schnell wie möglich sein Testament zu machen. Er werde den August nicht überleben.

Michael Ende stirbt am Montag, den 28. August in einer anthroposophischen Klinik in Stuttgart. Zwei Stunden vorher konnten meine Frau und ich von ihm Abschied nehmen.

Am 1. September wird er im Alten Waldfriedhof in München begraben.

2011

Matthias Hüttenhofer, mit dem zusammen ich viele Produktionen für die Deutsche Grammophon gemacht hatte, ist neuer Geschäftsführer des Gärtnerplatztheaters. Er ruft mich am 1. September an und teilt mir mit, Josef Köpplinger, der neue Intendant, wünsche sich eine Oper für die ganze Familie von mir. Noch am Nachmittag desselben Tages ruft mich Köpplinger aus Klagenfurt an und teilt mir mit, dass er seit mehrmaligen Besuchen des GOGGOLORI ein Freund meiner Musik sei und sich einen FLASCHENTEUFEL für 2014 wünsche nach einem Text von Mitterer. Das ist ein Festtag für mich.

Frau Stern von Schott frägt am nächsten Tag nach, wann ich mit der Oper fertig bin. Der Verlag brauche, wenn die Oper wie geplant im November 2013 herauskommen soll und kein Chor benötigt wird, die Noten bis Januar 2013 - mit Chor Anfang Dezember 2012. Rainer Schochow von Schott will wissen, ob die Ende-Erben noch irgendwelche Rechte am Stoff haben. Da ich aber vom Text nichts übernehmen werde, gibt es keine rechtlichen Probleme.

6. September 2011

Schochow ruft an, man solle den Flaschenteufel unbedingt zweisprachig planen.

15. September 2011

Lese den Flaschenkobold, wie er in der Reclamfassung heißt. Überlege mir, ob man die Szenen nach Europa verlegen muss.

2012

2. April 2012

Die Verhandlungen zwischen Schott und dem Kaiserverlag in Wien gehen nicht voran. Die Verlage können sich lange nicht über einen Abrechnungsmodus einigen.  Auch will Mitterer das Stück gleichzeitig als Schauspiel und als Singspiel herausbringen, was kontraproduktiv ist.

Mitterer wollte mir das Libretto bis zu meinem Geburtstag am 15. Märztag 2012 geschickt haben, aber es kommt kein Text. Er ist mit seiner Passion für Erl unter Druck.

14. April 2012

Rufe Felix an „I hob jetz Gäste, ruf Dich später an!“ Und er hängt ein.

28. April 2012

Höre mir abends ein Hörbuch vom FLASCHENTEUFEL an, das mich spontan zu einigen Szenen anregt.

19. Juni 2012

Schott und Kaiser haben sich geeinigt, es fehlt nur noch die Unterschrift von Köpplinger.

9. Juli

Gegen 16 Uhr 30 klingelt der PC, das sehnlichst erwartete Libretto tickert durch. Alles scheint sich zu fügen und ich beginne sofort zu lesen und bin begeistert. Lisa liest kurz nach mir und reagiert ebenso. Die Zukunft hat begonnen.

19. Juli 2012

Matthias Hüttenhofer teilt mir mit, dass mir eine zweite Harfe genehmigt wurde. So kann ich endlich meine chromatischen Wünsche für die Teufelszaubereien umsetzen. Die Harfenistin Martina Holler zeigt mir, wie man mit einem Stimmschlüssel den Effekt einer Hawaii-Gitarre imitieren kann.

Udo Dürr vom Gasteig teilt mir mit, dass 40 Musiker leicht im Graben des Carl-Orff-Saales Platz haben können. Ich brauche aber neben den beiden Harfen auch zwei Flügel und viel Schlagzeug.

22. Juli 2012

Übernehme eine Melodie aus MAMMOMELLA fürs Finale. Ich habe es gern, wenn ich das Finale zuerst fertig habe. Es ist ein beruhigendes Gefühl, FINE schreiben zu können, auch wenn noch zwei Stunden Musik fehlen.

3. August 2012

Mir kommt eine Melodie in den Sinn, die das Gespräch Mokula/Keawe intensivieren soll: nur zwei Harfen, tiefe Streicher und Crotales. Ich schaffe drei Minuten an einem Vormittag. Es ist eine bedrückende Musik, die Keawes Angst vor dem Kauf der Flasche ausdrücken und auf die noch nicht geschriebene Szene am Schattenberg hinweisen soll. Durch die musikalische Grundierung der Dialoge werden die dramatischen Teile noch intensiver und die heiteren noch komischer. Anschließend mit Lisa zum Italiener. Danach von Britten CURLEW RIVER gehört.

9. August 2012

Finde alte englische und schottische Volkslieder, die ich vor Jahrzehnten für eine Bühnenmusik zu OLIVER TWIST gesammelt hatte.

11. August 2012

Um 6 Uhr aufgestanden, der Bootsmann verfolgt mich bis kurz vor Mitternacht. Mit ihm kann das Stück aufhören.

14. August 2012

Die subtile Musik unter den Dialogen wird bei aller Transparenz immer dichter und sorgt für die benötigte Hochspannung. Wichtig ist, unter die Dialoge kein Blech zu legen und das Schlagzeug nur als akustische Interpunktion einzusetzen.

21. August 2012

Alastairs Zeichnung einer schönen Teufelin bringt mich auf die Idee, den Teufel dreistimmig singen zu lassen: Einen singenden und spielenden Counter auf der Bühne und einen Sopran und einen Mezzo im Orchestergraben. Man sieht also eine Person und hört drei Stimmen.

Das Buch DIE DREIFALTIGKEIT DES TEUFELS hat seine Früchte getragen. Kaufe mir eine „Wassergeige“, die ich für den FLASCHENGEIST, wie er jetzt wohl heißen wird, benötige: 30cm Durchmesser, 38 Klangstäbe.

2. September 2012

Brüte über dem 4. Bild, in dem Keawe seine chinesische Hautkrankheit entdeckt. Ich höre für diese Szene 2 Klaviere, 4 Schlagzeuger mit Pauken, Posaunen (des Gerichts?) mit Celli und Bässen.

3. September 2012

Das vierte Bild wird als erstes fertig. Die Schatten der Könige, die ich a cappella gesetzt habe, können vielleicht in einer späteren Szene noch einmal erklingen. Die Szene wirkt hier sehr dicht, auch weil das Orchester oft schweigt. Die 6. Szene sollte mit dem Liebesduett eine ähnliche Spannung erreichen.

4. September 2012

Machte, da ich mit dem FLASCHENGEIST nicht weiterkam, auf Lisas Anregung einen Spaziergang entlang der PLANETEN beim Deutschen Museum. Leider sind die informativen Tafeln zum Teil von Randalierern total übermalt.

Wo soll die Pause sein?

12. Dezember 2012

Den ganzen Tag am FLASCHENGEIST gearbeitet, der sich gegen meine Ideen sperrt.

15. Dezember 2012

Bastle am Übergang vom nächtlichen Ritt zur Bettlerszene im nächsten Bild.

17. Dezember 2012

Ich versuche, obwohl unsere Perle durch die Wohnung düst, mit dem 8. Bild voranzukommen. Kann ich das vom französischen Missionar aufgehetzte Volk von Tahiti mit Steinen ausstatten, mit denen sie nach den beiden Flaschengeistbesitzern zu werfen versuchen?

Kokua bleibt allein zurück und begleitet ihr schlichtes Lied mit zwei Steinen.

24. Dezember 2012

Bin mit meinem Sohn Amadeus beim Schlagzeugladen Trojan gegenüber vom Gärtnerplatztheatereingang und suche mir eine Steel-Drum für Mokula aus, die er als heruntergekommener Reicher selbst auf der Bühne spielen soll. Ich kaufe mir eine mit folgenden Tönen:

f, g, a, c’, d’, f’, g’, a’, c’’

2013

6. Januar 2013 - Chrysomilia

Den ganzen Tag bastle ich an den Verbesserungen zum 5. Bild. Das Steel-Drum-Solo ist noch nicht so, wie ich es haben will. Es stürmt und ist saukalt. Abends zufällig (?) sehe ich einen beeindruckenden Film über Hawaii mit großen Holzstatuen, Riesenschildkröten, Vulkanausbruch und einem Muschelhorn von einem Mädchen gespielt, Rituale. Leider war ich zu spät bei SCHÄTZE DER WELT SWF 2006.

Entscheide mich für den Titel DER FLASCHENGEIST eine Novelle aus Ozeanien.

7. Januar 2013

Fast bis Mittag geschlafen. Nach einem ausgiebigen Frühstück setze ich mich an meinen Arbeitstisch und feile am Lied vom Schneider, dessen einzelne Strophen ich unterschiedlich gestalten will. Das Verprügeln der Teufel wird eine virtuose Zwischenmusik für Klarinette, Posaune, 3 Bongos, Tom-Tom und Pauke in F. So wird die Nummer wesentlich aufgewertet. Als ich in der darauffolgenden Nacht zum Dienstag nicht schlafen kann, gehe ich das Lied mehrmals im Kopf durch und beschließe, den Geist beim Nachspiel mitsingen zu lassen. Nur Vokalismen ohne Worte!?

8. Januar 2013

Sturm und Kälte bei 2° Celsius.

Quäle mich den ganzen Tag mit dem Mokula-Lied vor der Pause herum. Es muss bei aller Virtuosität luftig und transparent bleiben in der Instrumentation. Irgendwann lasse ich es liegen und korrigiere am 8. Bild herum. Mir fällt auf, dass die beiden Klaviere, die im ersten Teil eine so dominante Rolle spielen, im 2. Teil kaum vorkommen. Das muss ich in aller Ruhe prüfen. Vielleicht lege ich mein Klarinettenduett in die Klaviere, aber dazu ist es zu spezifisch geschrieben.

Fragen über Fragen.

Obwohl es mir bestens geht, bin ich sehr unruhig. Fange alles an, kann aber nichts zu Ende bringen. Soll ich die Instrumente Viola d’amore, Klarinette, Harfen, Verrophon personifizieren?

Hat der Chor genug zu singen?

Reis mit Fleisch und Würstchen!!! Obstsalat.

10. Januar 2013

Schreibe die Nahino-Seiten ins Reine. Wird sehr dramatisch. Das 5. Bild steht nun in F.

Basti faxt mir die Töne der Steel-Drum durch, die ich vergessen hatte.

Ich schreibe die zwei Soli um und ein neues Solo hinzu.

Abends fällt plötzlich das Licht aus, Lisa am Kochen, ich am Schreiben. Ama informiert Niko, der gleich losfährt (ohne Handy). Amadeus fährt ihm entgegen mit Rotweinflaschen und 20 Euro, da das Licht wieder brennt.

11. Januar 2013

Um 13 Uhr 41 das 5. Bild abgeschlossen.

Die Sintflut kann schlimmer nicht gewesen sein als dieser herabprasselnde Regen. Die Katzen fliehen in geschützte Ecken. Man kann nicht die Treppe hinuntergehen, ohne pitschnass zu werden. Feile am 7. Bild, dessen Instrumentation mich nicht mehr zufriedenstellt, herum.

Die Harfen sind mir hier zu wenig aggressiv, die Steine kommen zu wenig zum Klingen. Bis zum Abend  finde ich keine definitive Lösung und falle um 22 Uhr todmüde ins Bett.

12. Januar 2013

Nach der Flaute von gestern, die mich sehr depressiv gemacht hatte, flutscht es heute geradezu. Ich arbeite an der dramatischen Szene GEIST KOKUA im 8. Bild und werde bis auf kleine Retuschen bis zum späten Nachmittag fertig. Ich mache einen Spaziergang zur Hagia Triada. Der Sturm hat vom Karner die Türe weggerissen, ein Totenkopf grinst mich an: „Wann kommst du endlich?“

Mit meinem Titeldarsteller habe ich noch Sorgen. Wie hoch darf ich für ihn schreiben? Wird es ein Altus oder Sopran?

14. Januar 2013

Korrigiere 5. und 8. Bild bei einem Traumwetter, bis es plötzlich 17 Uhr 15 mit dem Untergang der Sonne kalt wird.

Joachim Tschiedel ruft an. Sie haben einen Altus für den Flaschengeist gefunden.

Beim Abendessen klage ich Lisa mein Problem mit der Solovioline unter den ankommenden Seeleuten. Lisa meint, die Violine passe da überhaupt nicht hinein, das Schifferklavier sei doch das Instrument der Matrosen und plötzlich klingt diese Stelle viel echter. Brava! Auch die Bettlerszene im 8. Bild mit der liegenden Quinte passt viel besser mit einem Akkordeon in dieses Nachtbild als jede Violine. Brava!

15. Januar 2013

Kokuas Lied mit der leeren Quinte (Die Suche nach dem Du) muss noch ein paar exotische Melismen bekommen. Lisa hatte gegoogelt, dass das Schifferklavier, wie das Akkordeon in der Seemannssprache genannt wird, „alle Weltmeere bereist hat und viele Geschichten erzählen kann.“

Es wird kalt und windig und ich bin froh, wenn ich meine Komponierklause nicht verlassen muss.

16. Januar 2013

Ich versuche die „Seemanns-Variationen“ geschickt fürs Akkordeon umzuschreiben, was gar nicht einfach, aber sehr reizvoll ist. Mit Lisa gehe ich das 5., 7. und 8. Bild durch, die sie sehr zu beeindrucken scheinen. Zum AGNUS DEI schlägt sie vor, es noch mehr als Kontrast zum Hetzchor herauszuarbeiten.

Ich fange an, Nahinos Klage ins Reine zu schreiben, dabei ergeben sich reizvolle Verbesserungen. Diese einzige „Nummer“ von Nahino wird sehr dramatisch. „Bitte kaufen Sie mir die Fasche ab!!!“ mit Bolero-Rhythmus.

17. Januar 2013

Vormittags tauche ich in Nahinos Klage ein, die ich fertig instrumentiere und nach ein paar Stunden auch fertig habe.

Sie zieht einen aber auch ganz schön hinunter.

24. Januar 2013

Ab halb 6 Uhr morgens wieder am Schreibtisch in München.

Ich möchte ins 8. Bild noch aus „äußerster Ferne“ die Schreie „Weg mit Euch, weg!“ einfügen, von denen Kokua nicht wegkommt.

Fiel abends todmüde ins Bett, hatte das Gefühl, dass mir Hörner wuchsen und ich träumte von einer schönen Teufelin. „Scheiße, nur ein Traum!“

Mit diesem Satz wachte ich auf.

30. Januar 2013

In der Früh ab 6 Uhr am 3. Bild herumgedoktert, was aber nicht klappte, ich ging wieder ins Bett. Mit Lisa das Sorgenkind 3. Bild mit dem vielen Dialog-Text durchgegangen. Mir kommt die Idee, das Ticken der Standuhr wie das Ticken einer Zeitbombe an bestimmten Stellen hörbar werden zu lassen.

Viertel = 36

Amadeus schlägt eine Standratsche vor und demonstriert es. Jeweils vier Kerben sollen eine Holzlamelle anreißen.

31. Januar 2013

Lasse das Duett vom Beginn des 3. Bildes weg und ersetze es durch eine Streichermusik. (2 Violinen und Bratsche, die in Gambenhaltung gespielt werden). Mit dieser Musik und 13 Schlägen der Standuhr endet dann auch Einsamkeit II. Dabei schauen Kokua und Keawe aufs Meer hinaus (ins Publikum).

3. Februar 2013

Schreibe an Lopakas Sommersprossen-Lied nach einem alten englischen Volkslied nur von einem Akkordeon begleitet. Ganz frisch und transparent wie eine Prise vom Meer.

6. Februar 2013

Nicole Weber kommt bereits um 17 Uhr, Michael Otto um 18 Uhr zu uns ans Isartor. Wir gehen die Bilder 1 bis 4 durch. Lisa bereitet Leckereien vor und wir sitzen bis halb ein Uhr nachts zusammen und brüten über alle offenen Fragen: Wo soll die Pause sein? Sind die Steel-Drum-Soli von Mokula zu lang usw.

Das Buch TRADITION UND UTOPIE von Gunter Reiß ist da, eine Werkschau zu meinen Kompositionen.

7. Februar 2013

Um 18 Uhr kommt Nicole noch einmal und geht mit uns die Szenen 6, 7, 8 durch. Diese drei Szenen sind bis auf Feinheiten fertig und haben einen starken Sog. Wir probieren zu dritt die Predigt des Missionars mit den Holzzungen-Rührtrommeln der Ministranten. Man kann Metallkugeln oder Kastanien in die Trommeln geben, sie klingen immer anders. Darf der Missionar einen französischen Akzent haben?

9. Februar 2013

Den ganzen Tag am 7. Bild korrigiert und die definitive Fassung der Holzzungen-Rührtrommeln eingefügt. Die Dreieinigkeit des Teufels im 6. Bild gelingt mir bis zum Abend.

10. Februar 2013

Schon in aller früh gegen 4 Uhr nehme ich mir das 8. Bild vor. Die 2 Klarinetten, die in der Teufelsszene noch aggressiv und brutal waren, spielen hier geradezu voller Melancholie Kokuas Stimmung aus. Auch der „Als-ob-Kanon“ sorgt unterm Dialog für Hochspannung. Die Ozean-Drum steuert die abendliche Strand-Atmosphäre bei.

Komme bis zum Doppel-Duett, muss hier wohl noch das Himmelsschiff ARGO einfügen als Abrundung zum ersten Teil.

11. Februar 2013 – Rosenmontag

Während der Generalprobe in Würzburg zum THERESIENSTÄDTER TAGEBUCH von Alexander Jansen nach Gedichten von Kindern aus Theresienstadt kommt der Anruf, dass Papst Benedikt zurückgetreten sei. Wir halten das für einen Faschingsscherz. Winfried Böhm weiß bereits mehr, er teilt mir mit, dass Kardinal Bergolio, der unseren SOHN DES ZIMMERMANNS nach Buenos Aires holen wollte, der neue Papst werden wird.

12. Februar 2013 – Faschingsdienstag

Denkwürdiger Tag für ein THERESIENSTÄDTER TAGEBUCH.

Abends mit Lisa an den Umstellungen der Chöre im ersten Bild gearbeitet. Nach einem zu langen Einleitungschor folgte ein zu langer Dialog. Das haben wir nun in eine ganz neue Form bekommen.

16. Februar 2013

An den Seemann-Variationen herumgebastelt, da ich nach Stefanie Schumachers Auskunft einige unspielbare Passagen eingebaut hatte.

20. Februar 2013

Spiele die Szenen 3, 4, 5 und 6 am Klavier durch und verbessere Kleinigkeiten. Lisa war in der Klinik und kommt mit der deprimierenden Nachricht nach Hause, dass ihr ganzer Körper vom Krebs verseucht ist. Wir sind zutiefst schockiert.

23. Februar 2013

Gehe am Nachmittag mit Lisa die Szenen 1, 2 und 3 durch. Beim 2. Bild haben wir beide Probleme mit dem melodisch ziemlich einfallslosen Lied vom Drunken Sailor. Sowas kann man nur singen, wenn man total betrunken ist. Lisa schlägt Variationen vor, in deren Abfolge sich der steigernde Alkoholeinfluss und das Getrommel auf den Rumfässern akustisch und szenisch bemerkbar machen.

25. Februar 2013

Nachmittags bei der Besprechung mit Lisa fliegen die Fetzen. Wir kommen über die ersten drei Szenen nicht hinaus. Wir sind zu kaputt und schaukeln uns gegenseitig hoch.

26. Februar 2013

Nachmittags mit Lisa die Bilder 3, 4 und 5 korrigiert. Der Soloteil von Kleawe wird wohl ins 3. Bild kommen.

In der Bayerischen Akademie der Schönen Künste geht es bei der Sitzung zu wie im Vatikan.

27. Februar 2013

Bringe die Bilder 3, 4, 6 und 7 zu Aleksandra in den Copy-Shop zum Kopieren. Es sind 400 Seiten.

ANYTHING GOES war sehr gut durchchoreographiert in einer Art Non-Stop-Revue. Gute Regie!!! Brandmüller hat prima dirigiert.

3. März 2013

JOSA MIT DER ZAUBERFIEDEL im Bonner Beethoven-Haus.

Nach dem Rückflug bricht Lisa in München zusammen. Sie muss in die Uni-Klinik.

8. März 2013

Besprechung für die Garmischer MOMO. Das scheint etwas ganz Besonderes zu werden. Unklar ist mir noch die Musik für die Grauen Herren.

Abends Treffen mit Nicole im Gast, wo wir nur über den FLASCHENGEIST reden.

9. März 2013

Am Nachmittag während eines Fußmarsches von Andechs nach Herrsching dauernd am FLASCHENGEIST korrigiert und rigoros gekürzt.

Abends mit Nicole im GOGGOLORI im Marionettentheater. Es war eine sehr gute Aufführung. Nicole meinte danach: „Jetzt ist mir klar, warum du immer sagst, dass ich aus der Partitur inszenieren soll und nicht aus dem Klavierauszug.“

In den folgenden Tagen bin ich mehrmals bei Lisa in der Schönklinik am Starnberger See.

21. März 2013

Pressekonferenz zum Jahresprogramm 2013/2014.

Als Intendant Köpplinger mich auffordert, über den Flaschengeist zu sprechen, greife ich in meine linke Brusttasche, um das gut vorbereitete Manuskript herauszuziehen. Es war aber der MVV-Plan in die Klinik. So muss ich improvisieren.

25. März 2013

Während der Schneidearbeiten im Tonstudio Ulrich Kraus ruft mich mein Sohn Amadeus an, der Arzt habe gesagt, Lisa werde in den nächsten Stunden sterben. Der Toningenieur bringt mich mit dem Auto sofort in die Klinik. In der Zeitung fand ich einen Satz von Sokrates, den ich in meinen Kalender klebe:

„Keiner kennt den Tod.

Niemand weiß,

ob er nicht ein Geschenk

für diesen Menschen ist.“

 

Ich kenne Lisa, sie wollte bei Vollmond sterben und der ist erst am Mittwoch. Tatsächlich stirbt sie am

 

27. März 2013

 

um 22 Uhr 55.

 

Der Nachtarzt, der mich um 23 Uhr 20 anruft, teilt mir mit, dass sie ganz friedlich eingeschlafen sei.

Das letzte Buch, das sie gelesen hatte, war eine Biographie von Alexandra Lapierre über Fanny Stevenson, die ihr Vorbild war.

29. März 2013 – Karfreitag

Das Konzert zum 100. Geburtstag von R. S. Thomas wird zum Requiem für Lisa. Die Fortissimorufe der Sopranistin, die sie in den Flügel hinein singt, dessen rechtes Pedal getreten werden muss, gehen durch Mark und Bein:

„Das Kreuz ist unser Wegweiser

in entgegengesetzte Richtungen.“

 

Die Schläge auf das Holzbrett Semanterion klingen wie Schläge der Kreuzigung. Das Publikum, von Elgin Heuerdings sensibler Moderation über Lisas Tod informiert, ist erschüttert.

 

Als ich mit Amadeus in unsere Wohnung komme, entdecken wir, dass Lisas Schrank in der Zwischenzeit einen 1 Meter 30 langen Riss bekommen hat.

1. April 2013

Das Bayerische Fernsehen sendet das Portrait von Dorothee Binding und Benedict Mirow VOM KLANG DER STERNE. Jürgen Seeger organisiert im letzten Moment noch, dass ein Titel-Insert „in memoriam Elisabet Woska“ im Film erscheint.

2. April 2013

Mit Amadeus und Stefan Kohler im Waldfriedhof auf der Suche nach einem idealen Grab für Lisa. Neben Max Reger und Joseph Rheinberger möchte ich einmal nicht liegen. Wir finden einen idealen Platz schräg gegenüber von Michael Ende.

5. April 2013

Basti stimmt den Flügel, damit ich Nicole am Abend die Bilder 5 bis 8 vorspielen kann. Die Pause verlegen wir nun definitiv vor das 7. Bild. Das Finale ist zu lang, es muss schneller zum Ende kommen.

8. April 2013 – Ostfriedhof

Es war eine denkwürdige Trauerfeier für Lisa, etwa 250 Leute waren da. Die Musiker, die Amadeus und Luggi ausgesucht haben, sangen und spielten; Bischof Stefan Ark Nitsche und Pater Roman Löschinger leiteten die Gedenkfeier.

Bei der Odaiko-Nummer TROMMELN FÜR LISA platzte just am Höhepunkt eine Glühlampe über Lisas Sarg.

Am Abend erfahre ich, dass vor zwei Tagen Orffs Tochter Godela verstorben ist.

14. April 2013

Bin seit Tagen dabei, mein Leben zu ordnen. Lisas Energie wollen Amadeus und ich in unsere Energie umwandeln. Nicht traurig in der Ecke stehen, sondern positiv in die Zukunft schauen und arbeiten.

Habe beim Spaziergang im Englischen Garten die Idee, für den Flaschengeist noch ein Lied über die Tarotkarte 15 zu komponieren, die Karte des Teufels. Diese Karte zeigt den Teufel inmitten von zwei Frauen; ich werde den Teufel wohl dreistimmig singen lassen. Mir fehlt nur ein Text. Felix Mitterer ist im Augenblick total überlastet und kann nichts Neues schreiben. Parallel zu meiner Kompositionsarbeit gibt Dr. Helmut Pöllmann Partitur und Klavierauszug in den Computer ein.

18. April 2013

Den Tag über am 1. Bild gefeilt. Die Geige ins Akkordeon getauscht. Winfried Böhm ruft aus Buenos Aires an, er habe das Exposé für MYRIAM fertig.

29. April 2013 – (St. Wilfried)

Besuch einer Vernissage mit Bildern und Skulpturen von Antje Tesche-Mentzen im Pressehaus am Bahnhof. Sie hatte vor Jahren nach dem Anhören meiner SCHULAMIT einen Bilderzyklus gemacht. Als ich den Raum betrete, sehe ich auf einer Leinwand einen Film über eine Lilith-Statue; mir ist sofort klar, dass diese Statue auf Lisas Grab stehen muss.

1. Mai 2013

Obwohl ich den Tag ruhig anlaufen lasse, wurde ich bis zum Nachmittag mit den Korrekturen für das 1. Bild fertig. Der Schluss davon wird sehr knapp, endet mit einem kurzen Schumannzitat nach Chamisso (der in Ozeanien gelebt hat). Das Bild reißt ab, dann beginnen gleich die Seemannsvariationen.

2. Mai 2013

Nicole findet das Teufelslied nicht gut, da sich vieles wiederholt, was der Zuschauer sowieso schon weiß. Ich schreibe einen neuen Text über das Zahlenquadrat des Teufels:

1 – 2 – 3

4 – 5 – 6

7 – 8 – 9

 

6. Mai 2013

Mit Stefanie Schumacher die Akkordeonsoli der ersten beiden Bilder ausprobiert. Es klingt sehr delikat.

7. Mai 2013

Um 9 Uhr wird Lisa von Pater Roman im alten Waldfriedhof beerdigt. Mit der Statue wird es noch etwas dauern, da wir die Genehmigung der Stadt brauchen für die LILITH und den GOGGOLORI.

8. Mai 2013

In der Aufführung von Hartmanns DES SIMPLICIUS SIMPLICISSIMUS JUGEND wird mir plötzlich bewusst, dass das Stück ja in Kempfenhausen komponiert worden war, in jedem Ort, in dem Lisa starb.

Eine wunderbare Aufführung mit Juliane Banse und Brigitte Fassbender, es sind aber nur 23 Karten verkauft.

12. Mai 2013

Füge im 8. Bild ein Viola d’amore Solo ein, es erklingt in dem Moment, als Keawe Kokua verlassen hat. Steine, mit denen sich Kokua begleitet, erinnern an das vorige Bild „Steinigung“. Nach dem Satz „Ich bin verloren!“ erklingt noch einmal in der Viola d’amore kurz das Schumann Zitat aus dem ersten Bild. Das ist wieder einer der geheimen Zusammenhänge.

14. Mai 2013

21 Uhr 45. „Der Flaschengeist“ ist fertig. Ich auch.

Ich widme die Partitur Lisa und stelle der Komposition ein Gedicht voran, das Stevenson für seine Frau Fanny geschrieben hatte:

„Wer war es, der den Stahl geschärft? Wer facht’

zur Flamme an der Kohle Glut?

Wer war es, der das Ziel noch höher steckt’?

Wer geizt‘ mit Anerkennung, wer verschwendet’

des Ratschlags reiche Fülle, wenn nicht du?

Wenn schließlich dann das Werk ist gut vollendet

Und wenn in diesen unvollkommnen Blättern

ein kleines Feuer glüht, sei dir das Lob.“

 

15. Mai 2013

Schreibe abends nach einer Besprechung mit Antje Tesche-Mentzen das magische Quadrat um in:

4 – 9 – 2

3 – 5 – 7

8 – 1 – 6

 

17. Mai 2013

Wache gegen halb 5 Uhr auf und habe eine gute Regie-Idee, die mich nicht mehr loslässt: Im Prolog zum 2. Teil, wenn der Flaschengeist die Zahlen des Teufels singt, zieht er sich eine Kutte über und hält dann als katholischer Missionar seine Hetzpredigt gegen den Teufel. Wer genau hinschaut, wird merken, dass der Missionar einen Pferdefuß hat. Meine Besprechungen mit dem Kloster St. Stephan in Augsburg haben nun doch noch kreative Folgen gehabt.

 

 

LITERATURLISTE

ROBERT LOUIS STEVENSON

Meistererzählungen (Der Flaschendämon)

Aus dem Englischen übersetzt von Alastair

Manesse Verlag Zürich, 1958

 

ROBERT LOUIS STEVENSON

Der Flaschenteufel und andere Geschichten

Übersetzt von Marguerite und Curt Thesing

Diogenes Zürich, 1979

 

ROBERT LOUIS STEVENSON

Das Flaschenteufelchen

Mit 25 Holzschnitten von Hans Alexander Müller

Insel-Verlag Leipzig 1972, Nr. 302

 

ROBERT LOUIS STEVENSON

Der Flaschenkobold

Aus dem Englischen übertragen von H.W. Traber

Philipp Reclam jun. Stuttgart, 2012

 

ROBERT LOUIS STEVENSON

Die Insel der Stimmen (Der Flaschenteufel)

Mit einem Vorwort von Jorge Luis Borges

Die Bibliothek von Babel

Edition Büchergilde, 2007

 

PAUL GAUGUIN

Gedichte

tredition GmbH Hamburg

ohne Datum

 

BEATRIX LANGNER

Der wilde Europäer

Adelbert von Chamisso

Matthes & Seitz Berlin, 2008

 

FRIEDRICH DE LA MOTTE FOUQUÉ

Eine Geschichte vom Galgenmännlein

(Zeichnungen von K.J. Blisch)

Rütting & Loening Verlag Potsdam

ohne Datum

 

FRIEDRICH DE LA MOTTE FOUQUÉ

Das Galgenmännlein

Mit 13 Holzstichen von Andreas Brylka

Büttenpapierfabrik Hahnemühle

Und Schleicher & Schuell

Hamburg 1986

 

FRIEDRICH DE LA MOTTE FOUQUÉ

Das Galgenmännlein

Herausgegeben von Ralph-Rainer Wuthenow

Insel taschenbuch, 1978

 

FRIEDRICH DE LA MOTTE FOUQUÉ

UNDINE und andere Erzählungen

Herausgegeben von Gerhard Schulz

ALBATROS

Artemis & Winkler Verlag Düsseldorf, 1977

 

HEINRICH HEINE

Der Teufel, den man Venus nennt

Gedichte und Erzählungen

marixverlag Wiesbaden, 2012

 

DANIEL ARASSE

Bildnisse des Teufels

Matthes und Seitz Berlin, 2012

 

ALEXANDRA LAPIERRE

Die Vagabundin

Fanny Stevenson und die „Schatzinsel“

Aus dem Französischen von Annette Meyer-Prien

Fischer Taschenbuch Verlag, 1997

 

MARIA LONGHENA

Sprechende Steine

200 Schriftzeichen der Maya – die Entschlüsselung ihrer Geheimnisse

marixverlag Wiesbaden, 2004

 

MARIUS SCHNEIDER

Singende Steine

Rhythmus-Studien an drei romanischen Kreuzgängen

Heimeran, 1978

 

HERBERT BAHL

Zeitgenössische Musik in Ozeanien

Seminararbeit

GRIN Verlag GmbH, 2004

 

MARIUS SCHNEIDER

Australien und Austronesien

 

BARBARA B. SMITH UND PETER PLATT

Ozeanien

Außereuropäische Musik in Einzeldarstellungen

dtv Bärenreiter

 

ROSEMARIE SCHYMA

SÜDSEE Reise-Handbuch

DuMont, 2011

 

KARL TEUSCHL

Hawai‘i

Marco Polo, 2013

 

ERICH BISCHOFF

Mystik und Magie der Zahlen

Fourier Verlag Wiesbaden, 1992

 

ERICH MÜLLER GANGLOFF

Dreifaltigkeit des Bösen?

Johannes Stauda Verlag, 1953

 

PAUL GAUGUIN

Bilder eines Aussteigers

Taschen GmbH Köln, 2007

 

PAUL GAUGUIN

NOA NOA

Eine Auswahl von Aquarellen, Holzschnitten und Texten

Nachwort von Gotthard Jedlicka

R. Piper und Co Verlag München, 1961

 

FRANZ CARL ENDRES / ANNEMARIE SCHIMMEL

Das Mysterium der Zahl

Zahlensymbolik im Kulturvergleich

Eugen Diederichs Verlag Köln, 1985

 

STUART R. KAPLAN

Der Tarot

Hugendubel Verlag München, 1984

 

FRITZ STEGE

Musik Magie Mystik

Der Leuchter

Otto Reichl Verlag Remagen, 1961

 

PAUL GAUGUIN

Die Aufzeichnungen von NOA NOA

Die erste tahitanische Reise

Nach dem Manuskript des Künstlers

Übertragen von Hans Graber

Büchse der Pandora Verlags GmbH, 2005

 

ADELBERT VON CHAMISSO

Reise um die Welt

Mit 150 Lithographien von Ludwig Choris

Die andere Bibliothek, 2012

 

ROLAND F. KARL

Abenteuer Südsee JAMES COOK

Frederking und Thaler München, 2011

 

BRUNO GLOGER UND WALTER ZÖLLNER

Teufelsglaube und Hexenwahn

Koehler und Amelang Leipzig, 1985

 

STEFAN HAAG

Von Druidentrank und Hexenkraut

Heil- und Zauberpflanzen aus aller Welt

KOSMOS, 2002